Klingt wie Buchstaben in meinen Ohren

 

Einen Text zu schreiben, dauert eine Weile – erst eine Idee entwickeln, dann viele Buchstaben aufs (virtuelle) Papier bringen und schließlich überarbeiten und nochmal und nochmal überarbeiten. Je mehr und je länger ich überarbeite, umso besser wird (meist) der Text. Und dann gibt es Texte, da geht alles ganz schnell.

 

Der nachfolgende Text „Meine Musik“ ist einer von der schnellen Sorte. Ich schrieb ihn für eine Ausschreibung, an der ich eigentlich erst gar nicht teilnehmen wollte. Dann aber doch sehr kurzfristig meine Meinung änderte. Die Inspiration für den Text über Musik kam auch tatsächlich aus der Musik. Wenn ihr die Geschichte gelesen habt, wisst ihr vielleicht , welches Lied mich hier inspiriert hat. Wenn nicht, folgt am Ende des Textes die Auflösung. Viel Spaß beim Lesen!

 

Buchstäblich, eure Kristin

 

Meine Musik

 

- PRELUDE – VIVACE -

Wahrscheinlich habe ich Noah zu verdanken, dass ich meine Musik gefunden habe. Ich war nie auf Festivals als ich jung war, habe keine Konzerte besucht. Es gab nie eine Band, deren Poster in meinem Jugendzimmer hingen. Meist hörte ich nur Radio oder eben die Musik, die meine Freunde hörten. Ich würde nicht sagen, dass es mir egal war oder ich kein Interesse für Musik gehabt hätte. Ich war nur einfach nicht wählerisch.
Dachte ich damals. Heute weiß ich: ich hatte meine Musik noch nicht gefunden. Ich kannte die Musik noch nicht, die mich begeisterte und meinen Gedanken Flügeln verlieh. Ohne Noah, hätte ich sie vielleicht nie gefunden.

 

- ALLEMANDE – MODERATO -
Noah kenne ich seit ich denken kann. Uns verbindet das, was man eine Sandkastenfreundschaft nennt. Er wohnte in unserer Reihenhaussiedlung drei Eingänge weiter. Im Sommer spielten wir gemeinsam auf der Straße Federball. Im Winter liefen wir Schlittschuh auf dem Tümpel am Ende der Straße.
Als Noah ins Gymnasium ging, hatte er andere Freunde als ich. Trotzdem trafen wir uns regelmäßig, wenn auch nicht mehr so oft wie in den Kindertagen.
Zum Studieren ging Noah in eine andere Stadt. Nur noch selten sahen wir uns, in den Semesterferien oder zwischen den Jahren, wenn Noah bei der Familie zu Besuch war.
Es war immer schön ihn wieder zu sehen. Aber es war auch okay, dass er nicht mehr da war. Ich hatte meinen eigenen Freundeskreis, war mit meiner Banklehre beschäftigt und natürlich den ersten Beziehungen. Nichts hielt wirklich lange. Das war okay, ich war ja noch jung.
Noah war mit seiner Freundin aus Abizeiten liiert. Als er sein Studium beendet hatte, heirateten sie und zogen in eine Reihenhaussiedlung im Nachbarort. Wir sahen uns wieder öfter.
Noah und mich verband eine Vertrautheit, die ich sonst mit niemandem so teilen konnte. Wir waren einfach gute Freunde, Sandkastenfreunde. Nur spielten wir nicht mehr Federball auf der Straße. Stattdessen nahm ich Noah mit zum Boldern in die Kletterhalle. Er nahm mich mit ins Theater oder zu Ausstellungen, die ich ohne ihn nie besucht hätte.

 

- COURANTE – ALLEGRO -
Noah war es, der mich an einem nassgrauen Freitagabend im September zu „Keller-Klub-Klassik“ mitschleppte. Eine typische Noah-Veranstaltung. Das Publikum war größtenteils älter als wir und ziemlich angestaubt, auch wenn es Ziel der Veranstaltung war, junge Leute an klassische Musik heranzuführen.
An diesem Abend, in dem kleinen, verqualmten Kellerklub, sah ich SIE. Zwischen den anderen Musikern, dem DJ und einer Sängerin saß sie mit ihrem Cello.
Sie war mir sofort aufgefallen, strahlend schön, als ob alle Scheinwerfer nur auf sie gerichtet wären. Ihr kurzes schwarzes Kleid war nach oben gerutscht und zeigten ein bisschen zu viel von ihren langen Beinen. Das Cello schmiegte sich an die Innenseiten ihrer Schenkel. Sie hielt den Kopf leicht schräg, sodass die dünne Haut an ihrem Hals zart schimmerte. Ihre rotbraunen gelockten Haare fielen weich über die Schulter. Den Bogen bewegte sie über die Saiten mit einer Leichtigkeit, als ob ihr Arm von einem Windhauch angetrieben würde. Mit der anderen Hand hielt sie den Hals des Cellos mal ganz sanft und dann wieder so kraftvoll, als ob sie einen Kampf mit dem Instrument austragen würde.
Ich hatte noch nie zuvor solch einen sinnlichen Moment erlebt. Und ich hatte noch nie so bewegende Musik gehört. Bach, Dvořák, Brahms und einige andere Namen, mit denen ich nichts anfangen konnte, hatte der DJ angesagt.
Wenn SIE spielte, war ich in einer anderen Welt. Die miefige Kellerklubatmosphäre, Noah und all die anderen Menschen um mich herum, nahm ich nicht mehr war. Nur der DJ störte, der versuchte die klassische Musik auf modern zu trimmen. SIE musste ihre graziösen Melodien unterbrechen um für belanglose Beats Platz zu machen.
„Du bist ja ganz verknallt“, witzelte Noah auf dem Heimweg als ich schwärmend den Abend Revue passieren ließ. „Stehst du nur auf die Cellistin oder gefällt dir auch die Musik?“
„Haha. Ich steh gar nicht auf die Cellistin. Ich fand einfach nur die Musik wunderschön. Irgendwie berauschend. Ich weiß auch nicht, wie ich das beschreiben soll. Es war so … außergewöhnlich.“
Ab diesem Abend war es um mich geschehen. Wenn es nur ging besuchte ich jedes Wochenende ein anderes Konzert. Ich reiste in unserer Gegend umher, zu den Konzertsälen, Gemeindesälen, auch zum Kellerklub, wenn es sein musste. Wenn SIE spielte, saß ich immer in der ersten Reihe. Aber auch wenn sie nicht spielte, das Cello wurde meine große Liebe.
Ich sammelte CDs mit Cello Konzerten der verschiedensten Interpreten. Die Cello Suite von Bach stand in neun verschiedenen Aufnahmen in meinem Schrank. Ich war wie im Rausch der Musik. Ich konnte nicht genug bekommen.

 

- SARABANDE – LARGO -
Ich laß Veranstaltungshinweise, hatte die Newsletter aller Veranstaltungsorte abonniert und täglich checkte ich IHR Profil um bloß kein Konzert zu verpassen. Bis es irgendwann still wurde. SIE war wie vom Erdboden verschluckt.
Es gab keine Neuigkeiten mehr auf ihrem Feed. Sie gab keine Konzerte. Die Musiker, mit denen sie sonst spielte, traten nun ohne sie auf. Keiner konnte mir sagen, wo sie ist. Sie war einfach weg.
Ich besuchte weiterhin viele Konzerte, aber eben nicht mehr jedes und nicht an jedem Wochenende. Hin und wieder kaufte ich mir eine neue CD, aber das wurde seltener. Die überschäumende Euphorie, die mich so überwältigt hatte, verflog mit jedem Tag ohne SIE ein bisschen mehr.
Die Liebe zur Musik aber blieb. Sie bleibt bis heute. Klassische Musik wurde zu meiner Musik. Ohne Noah, hätte ich diese Musik vielleicht nie gefunden. Ohne SIE wäre vielleicht nie der Funke übergesprungen.
Das Cello trage ich seitdem in meinem Herzen. Egal wie stressig ein Tag ist, ob ich Ärger habe oder traurig bin – sobald das Cello erklingt fliegen meine Gedanken davon, ich werde entspannt, frisch, voller Energie. Jeden Tag aufs neue bin ich fasziniert davon, was die Musik für mich tun kann.

 

- GIGUE – VIVACE -
Ich stehe vorm Spiegel, überlege was ich anziehen soll. Das rote Shirt oder lieber einen dunklen Pullover? Von unten höre ich das Geschrei der Kinder im Wohnzimmer. In der Küche klappert Geschirr.
Nach all den Jahren hatte ich vergessen, wie es sich anfühlt, so aufgeregt zu sein. Heute Abend werde ich SIE wieder sehen.
Im Vorbeigehen hatte ich ihr Gesicht auf einem Plakat gesehen. Mein Herz hatte sofort einen Sprung gemacht. Seit diesem Moment habe ich den heutigen Abend herbeigesehnt. Jetzt frage ich mich, ob ich wirklich hingehen soll. Würde es so sein wie früher? Oder würde ich enttäuscht sein? Oder ist es nur der Nervosität geschuldet, dass ich tatsächlich überlege nicht zu dem Konzert zu gehen, auf das ich jahrelang gewartet hatte?
Ich gebe den Kindern einen Kuss auf die Stirn. Ich sage, dass ich bald wieder da sei und dass sie brav sein sollen. Dann ziehe ich die Haustür hinter mir zu, lasse Eigenheim und Gartenzaun hinter mir und fahre mit dem Fahrrad – wie früher – zum Kellerklub. Noah ist heute nicht mit dabei. Allein nehme ich in der ersten Reihe Platz.
Sie betritt die kleine Bühne. Da ist es wieder, das Strahlen, das sie umgibt. Das Cello hält sie noch genauso, als ob sie es umarmen würde. Den Kopf leicht schräg. Die lockigen Haare sind grauer geworden und kürzer, sie fallen nicht mehr über die Schulter. Die Beine sind immer noch lang und schön – und top in Form, stelle ich anerkennend fest.
Dann spielt sie. Alles um mich herum verblasst. Ich höre nur noch das Cello. Ich sehe nur noch sie. Ich bin in meiner Welt, mit meiner Musik, meiner Cellistin.
Als das Konzert vorbei ist, trete ich wie berauscht vor die Tür. Mit einem tiefen Atemzug sauge ich die kalte Märzluft ein. Ich versuche einen klaren Gedanken zu fassen. Mein Kopf fühlt sich betrunken an, obwohl ich keinen Schluck Alkohol getrunken habe.
Plötzlich spüre ich eine warme Hand auf der Schulter. Ich drehe mich um und sehe in ihre tiefbraunen Rehaugen. „Schön dass du da warst heute. Ich habe mir gedacht, dass ich dich hier sehe.“, sagt sie.
„Du hast schön gespielt.“, sage ich und ärgere mich, dass mir nichts Besseres einfällt.
„Danke.“ Sie lächelt.
„Nein, ich muss dir danken! Seit ich dich das erste Mal spielen sah … hörte, bin ich so begeistert von der Musik. Das Cello ist seitdem meine Leidenschaft.“, stammle ich.
Sie lächelt wieder. „Spielst du auch?“
„Ähm nein, das kann ich nicht.“
„Ich könnte es dir beibringen. Wenn du Lust hast. Ich wohne jetzt wieder hier in der Gegend und gebe auch Unterricht. Hauptsächlich Schulkinder.“
„Na, ich glaube dafür bin ich wohl zu alt“, sage ich unsicher.
„Du bist mir schon damals aufgefallen, wie begeistert du der Musik folgst, sie förmlich aufsaugst. Ich glaube, dass da ein musikalisches Talent in dir schlummert. Du könntest es versuchen.“
Der Gedanke an Cellostunden mit ihr macht mich noch nervöser. Unsicher blicke ich zu Boden und trete frierend von einem Bein auf das andere.
„Wenn du Lust hast, ruf mich an.“ Sie reicht mir ihre Karte. Diana Dolmatova, Cellistin, darunter ihre Telefonnummer.
„Ich überlege es mir“, sage ich
„Würde mich freuen… Ähm, wie heißt du eigentlich?“
„Toni. Also eigentlich Antonia, aber alle nennen mich Toni.“
„Antonia, würde mich freuen dir das Cello näher zu bringen.“
Innerlich sehe ich vor mir einen Film ablaufen – ich, das Cello und Diana. „Du hast recht. Ich sollte das tun“, sage ich versonnen. In diesem Moment weiß ich, dass das Cello noch einmal mein Leben verändern wird.
Ich lache. Diana lacht zurück. Ich fühle mich frei, unbeschwert. Das Cello in meinem Herzen jubelt.

 

Bildnachweis: Cellistin von Štěpán Karásek, Pixabay.  Drei Cellos von Ri Butov, Pixabay.

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Kommentare: 3
  • #1

    Kristin (Montag, 02 März 2020 21:53)

    Wie versprochen - hier noch die Auflösung: Die Musik zum Text kommt von Clueso und Udo Lindenberg. https://www.youtube.com/watch?v=NxquuedkKaM
    Na, wer hat's erkannt? ;)

  • #2

    Petra Schaberger (Mittwoch, 11 März 2020 11:13)

    Wer wie ich ein Kind der 60er ist, und in den 70ern erwachsen wurde, erkennt es sofort. Da brauche ich den Link nicht zu prüfen. Es ist eines meiner Lieblingslieder von Udo.
    Kristin, schön, dass Du weiter schreibst, dass Du - D E I N - Talent geschmeidig hältst. Ich hoffe es geht Euch gut, inkl. der größeren Familie. :-)
    Lieben Gruß aus der Mandelblüte an der Bergstraße
    Petra

  • #3

    Kristin (Donnerstag, 12 März 2020 21:10)

    Lieben Dank Petra - fürs Vorbeischauen, Kommentieren und die motivierenden Worte! Das hilft wirklich ;-)