Auch Buchstaben haben mal Feierabend

 

Die Buchstaben haben ein bisschen Urlaub gemacht (Weihnachten und Jahreswechsel!), sich zurückgelehnt (zu wenig Aufmerksamkeit von mir?) und vor allem haben sie sich nicht nach draußen getraut (ist ja auch ziemlich kalt gewesen). Aber auch wenn ich in den letzten Monaten hier nichts veröffentlicht habe, so war ich doch recht aktiv an der schriftstellerischen Front.

 

Schreibwettbewerb zum Ersten


Als Jurorin für den Kurzgeschichtenwettbewerb Über Mut. Über Leben. Vom Opfer zum Helden.“  war ich gut eingespannt in den letzten Wochen.  Mehr als zweihundert Einsendungen gab es für den Wettbewerb und die galt es, zu lesen und fair zu beurteilen – eine ziemlich schwierige Aufgabe. Schließlich kann ich mich nur zu gut in die Autor(inn)en hineinversetzen, die das gesamte Herzblut in ihre Geschichte gesteckt haben und nun bangend eine positive Rückmeldung herbeisehnen.


Aber, Qualität setzt sich durch. Gemeinsam mit den Mitjurorinnen Jessica Druschke, Jessica Rösler und natürlich der Verlegerin Petra Schaberger haben wir uns durch die Geschichten gearbeitet und sind immer noch in der Abstimmung zur finalen Auswahl. Wer es ins Buch schafft und welche Geschichten im Publikumsvoting stehen, erfahrt ihr auf Blog Q5.

 

Schreibwettbewerb zum Zweiten

 

Nebenbei habe ich bereits den nächsten Wettbewerbsbeitrag eingereicht. Für den Geschichten-Wettbewerb „Gute Nacht, Marie!“ des AWO Berlin Kreisverband Südost e.V. habe ich eine kurze Geschichte geschrieben.


Apropos geschrieben – das habe ich in den letzten Wochen noch sehr viel mehr. Mein angekündigtes Kinderbuch Projekt konnte ich noch vor Weihnachten in einem ersten Entwurf fertig stellen und habe dies auch bereits einer Lektorin zur Prüfung gegeben. Das Feedback war sehr umfangreich und nun habe ich noch einiges an Änderungsbedarf, bevor ich es der „Weltöffentlichkeit“ zeigen kann. Ihr dürft gespannt bleiben.


Außerdem habe ich mein nächstes Projekt begonnen - ein Krimi soll es werden. Dies ist ein sehr umfangreiches Vorhaben und wird mich sicher die nächsten Monate … wohl eher Jahre beschäftigen. Also erwartet dazu nicht allzu schnell ein Update.

 

Schreibwettbewerb zum Dritten … und raus.

 

Ich hatte euch schon wissen lassen, dass ich an der Anthologie-Ausschreibung „Jetzt ist Feierabend!“ der Büchermacherei teilgenommen habe. Leider hat es mein Beitrag nicht ins Buch geschafft. Das gibt mir aber nun  die Gelegenheit, ihn hier zu veröffentlichen … Also, nun endlich zum Thema Feierabend! Nachfolgend lest ihr meine Geschichte „Feierabendbier

 

Buchstäblich, eure Kristin

 

 

 

Feierabendbier

 

Ich liebte die Freitagnachmittage. Jede Woche aufs Neue ersehnte ich den Freitagnachmittag herbei. Nicht, weil dann das Wochenende bevorstand. Im Gegenteil. Meist waren Samstag und Sonntag die langweiligsten Tage der Woche – im besten Fall. Im schlimmsten Fall gab es Streit zu Hause, Krach und Geschrei und ich musste dies aushalten. Ich konnte mich nicht verdrücken, zur Schule gehen oder Freunde auf dem Spielplatz treffen. Die waren am Wochenende mit ihren Familien unterwegs.

Der Freitagnachmittag aber, der war heilig. Papa holte mich jeden Freitag von der Schule ab. Meist kam er zu Fuß und auf dem Heimweg schlenderten wir am Fluss entlang und warfen Steine ins Wasser. Oder wir gingen an der Eisdiele vorbei und ich durfte mir drei Kugeln Eis aussuchen. Das Beste am Freitagnachmittag war das Kartenspielen. Papa machte sich sein Feierabendbier auf und dann spielten wir gemeinsam Karten. Anfangs spielten wir Mau-Mau oder Schwimmen. Später brachte Papa mir Skat und Doppelkopf bei. Stundenlang konnten wir am Küchentisch sitzen und Kartenspielen. Das war für mich das Größte. 
Wenn das Feierabendbier ausgetrunken war, machte Papa sich noch eins auf. Mama kam dann und brachte ihm einen Kaffee oder Limo für uns beide. Aber Papa sagte immer: „Ach geh weg mit deinem Kaffee. Ich nehm lieber noch ein Feierabendbier.“
Je länger wir spielten, umso nervöser wurde Mama. Sie schaute immer wieder herein und fragte, ob alles okay sei. Ich zuckte nur mit den Achseln, aber Papa wurde unwirscher. Manchmal wurde er laut und es gab Streit. Dann war es ganz schnell vorbei mit dem Kartenspielen und der schöne Freitagnachmittag war zu Ende. Es gab Krach, der damit endete, dass Papa die Tür hinter sich zuschlug und ich ihn an diesem Abend nicht mehr zu Gesicht bekam.
Mit Mama aß ich dann gemeinsam zu Abend. Wir saßen am Küchentisch und Mama versuchte mich auszufragen, wie es denn in der Schule gewesen sei oder wie es den Freunden ginge. Nie hatte ich Lust darüber zu reden und so saßen wir uns schweigend gegenüber und aßen Brot mit Käse oder Leberwurst. 
Ich aß immer öfter mit Mama allein zu Abend. Papa war beim Fußballtraining oder länger in der Arbeit oder er hatte irgendetwas anderes zu tun. Wochenends war Papa meist auch sehr beschäftigt. Er half bei Freunden aus, war im Stadion oder musste in der Garage noch etwas machen. Nur selten durfte ich ihn dort besuchen. Meist schlief Papa am Wochenende sehr lange aus, weil er wochentags immer so zeitig aufstehen musste und so viel zu tun hatte. Ich konnte das verstehen.
Mama war auch an den Wochenenden mit Putzen, Wäsche waschen, Kochen und Backen beschäftigt. Deswegen schickte sie mich oft zu Oma und Opa, die ein paar Straßen weiter wohnen. Dort war es auch langweilig. Aber wenigstens konnte ich bei ihnen Schaummäuse und süße Schnüre essen, so viel ich wollte. Oma hatte immer Süßigkeiten für mich im Haus.
Manchmal, wenn es ganz schlimm war, bekam ich Angst, weil Mama und Papa so laut stritten. Oft hörte ich sie, wenn ich im Bett lag und nicht einschlafen konnte. Oder ich wachte auf wenn Papa nach Hause kam und es laut wurde. Türen knallten oder Dinge wurden geworfen. Manchmal gab es auch Scherben. Ich hörte wie Papa schimpfte und Mama versuchte ihn zu beruhigen: „Schhh, sei doch etwas leiser. Tom schläft. Du weckst ihn auf.“ „Na und, kann er ruhig hören was hier los ist. Der soll doch mal ein richtiger Mann werden. Du verweichlichst ihn nur. Beim nächsten Mal nehme ich ihn mit. Da lernt er was fürs Leben.“
Ich hatte immer drauf gewartet, dass Papa mich mitnimmt – wohin auch immer. Ich wusste nicht wovon Papa sprach. Ich wusste nicht, was er machte, wenn er abends das Haus verließ oder was ich da lernen konnte. Aber Papa hat mich nie mitgenommen. Mama hatte immer betont, wie wichtig es sei pünktlich ins Bett zu gehen, damit ich in der Schule ausgeschlafen sei.
Mein Freund Jerome meinte, dass Krach zu Hause völlig normal sei. „Meine Eltern streiten auch ständig. Das machen doch alle Erwachsenen. Da musst du dir keinen Kopf machen. Halt dich einfach raus und lass die machen. Die beruhigen sich auch wieder.“ Ich fand es komisch, dass so viel Streit normal sein sollte, aber andererseits kannte ich es auch nicht anders. Nur bei Oma und Opa hatte ich noch nie erlebt, dass sie laut wurden. Vielleicht waren sie einfach schon zu alt und haben früher genauso gestritten.
Mit der Zeit wurden die Freitagnachmittage immer kürzer. Papa holte mich wie gewohnt von der Schule ab, aber wir aßen nie mehr Eis und warfen nie mehr Steine. Wir gingen nur noch schnell nach Hause. Alles ging viel schneller. Das Feierabendbier wurde schneller getrunken und wir spielten schneller Karten. Mama kam immer früher und sagte, dass nun Schluss sei. Die schönen Freitagnachmittage wurden immer kostbarer, weil sie immer weniger wurden. Sie schrumpften in sich zusammen. Wurden immer kleiner, sodass von dem großartigen Freitagnachmittag fast nichts mehr übrigblieb.

 

Heute ist Freitag, das hatte ich schon fast vergessen. Ich ziehe die Schultern nach oben und trete von einem Fuß auf den anderen. Der Oktober ist sehr schnell sehr kalt geworden und auch sehr grau, neblig und feucht. Zur Schule muss ich heute nicht gehen.
Als ich an der Reihe bin und nach vorn trete, denke ich an die schönen, kostbaren Freitagnachmittage, die so lange her sind. Ich muss auch an die nicht so schönen Freitagnachmittage denken, an denen ich so oft enttäuscht wurde. Ich muss an all die Lügen denken, die ich heute erkenne und für die ich damals blind war.
Heute weiß ich, dass er in der Kneipe war, wenn er nachts lärmend nach Hause kam. Ich weiß auch, dass in der Garage kein einziges Werkzeug in dem grünen Schrank liegt, dafür aber mehrere Flaschen Cognac und Wodka. Heute erkenne ich, dass mein Bild von ihm ein altes, vergilbtes Bild ist – so wie ich ihn immer gern sehen wollte. Er hatte abgebaut, seine Haut war grau und faltig geworden. Seine Augen waren leer. Er hatte immer wieder Narben, angeblich von Unfällen, die ebenso erlogen waren.
Oder wollte ich all die Lügen nicht erkennen? Wollte ich an die Fassade glauben, die meine Mutter so mühsam aufrecht erhalten hat? Immer noch wahrt sie das Bild, den Schein von der kleinen perfekten Familie. Selbst heute. Sie erzählt das Märchen von dem tragischen und natürlich unverschuldeten Verkehrsunfall. Dabei war es nicht mehr als eine seiner schäbigen Kneipenschlägereien.
„Verdammte Freitage.“, flüstere ich, als ob er mich hören könnte. „Verdammtes Feierabendbier. Hättest du es nicht lassen können? Hättest du nicht einfach den verdammten Kaffee trinken können? Das Feierabendbier ist an allem schuld.“ Ich versuche die Tränen wegzublinzeln, die in meine Augen schießen. Die weiße Blume drehe ich zwischen den Fingern hin und her. Dann werfe ich sie, so wie es Mama vor mir getan hatte. Ich drehe mich um, schaue nur auf meine Füße und gehe zurück an meinen Platz.

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Kommentare: 2
  • #1

    Aileen (Sonntag, 17 Februar 2019 11:08)

    Sehr schöne, bewegende Geschichte! Gefällt mir sehr gut.

  • #2

    Karin (Freitag, 15 März 2019)

    Hallo Kristin,
    habe eben erst Deine Geschichte gelesen.
    Ist ganz schön traurig aber sehr ergreifend geschrieben.
    Erstaunlich dass sie nicht mit zur Veröffentlichung ausgesucht wurde.
    Mach weiter wenn es Dir Spaß macht!
    Liebe Grüße von Mutsch